Blog

Die Geschichte der Sondenernährung oder vom Picknick im All und ihre Auswirkungen auf die Menschheit

Die Anfänge der Sondenernährung orientieren sich an der Entwicklung von Ernährungssonden. Ihre Wurzeln reichen bis in die Antike zurück. Bereits die alten Hochkulturen in Ägypten, Indien, Persien und China beschäftigen sich mit dem Thema der Mangelernährung. Um eine optimale Nährstoffzufuhr zu gewährleisten werden zuerst Nährklistiere (Einläufe) verwendet. Die Nahrung (meist ein Gemisch aus pürierter und flüssiger Kost bestehend u.a. aus Brühen, Schafsmilch, Buttermilch, Gerstenschleim,etc.) verweilt dabei mehrere Stunden im Enddarm.

Erst im 12. Jahrhundert ändert sich der Glaube, dass der Enddarm der Sitz der Nahrungsaufnahme ist. 

Avenzoar, ein im arabischen Sprachraum arbeitender Arzt, sieht den Magen als einzig möglichen Aufnahmeort der Nahrung an. Über eine trichterartige Silberkanüle soll Nahrung schluckunfähig gewordener Patienten über deren Mund zugeführt werden (BILD 1). Avenzoar ahnt es damals nicht, aber seine Technik wird weitere vier Jahrhunderte verwendet. 

Geschichte1

Bild 1 (Kalde S, Vogt M, Kolbig N, editors. Enterale Ernährung. 3. ed. München: Urban & Fischer; 2002.

Im 16.Jahrhundert ändert sich die Apparatur. Wissenschaftler beschäftigen sich mit der Optimierung und Darstellung der ersten Ernährungssonden. Im 17.Jahrhundert werden erste “Schlund- und Magensonden” verwendet und Nahrung wird erstmals über eine große Injektionsspritze in den Mund künstlich zugeführt (BILD 2). Das war damals revolutionär. Es ist erstmals leichter geworden, Nahrung künstlich in den Mund zu befördern. Die Wissenschaft schläft nicht und so gelingt es gegen Ende des 18. Jahrhunderts erste Magenpumpen zu verwenden. Die ersten elektrischen Magenpumpen kommen 1930 zum Einsatz. 


Sondenernaehrunggeschichte-1

Bild 2 (Kalde S, Vogt M, Kolbig N, editors. Enterale Ernährung. 3. ed. München: Urban & Fischer; 2002.)

Auch die Ernährung über den Darm gelingt im 19. Jahrhundert. Jejunalsonden haben hier ihre Wurzeln. Vor über 170 Jahren wird ein Fall beschrieben, bei dem einer Frau das Leben gerettet wurde. Sie wurde von einem Stier durchbohrt und konnte nur über eine jejunale Öffnung ernährt werden. 1878 beschreibt der französische Chirurg Surmay die Technik der Jejunostomie. In den folgenden Jahren werden die Techniken weiter optimiert. 

Im 20.Jahrhundert gelingt es Magensonden mit unterschiedlichen Materialien (wie Leder, Gummi, Silikon, Polyurethan) anzufertigen. 1909 verwenden Gross und Einhorn die ersten Duodenalsonden. Etwas mehr als ein Jahrzehnt später wird auch diese Technik verbessert, sodass Duodenalsonden sowohl oral als auch nasal angebracht werden können. Es wird von Transnasalsonden gesprochen, welche eine Langzeitsondierung erstmals ermöglichen.  

Vor allem in der Kriegszeit ist es notwendig geworden kieferverletzte und schluckunfähige Patienten mit Nährstoffen über eine Ernährungssonde zu versorgen. Es kommt zu einem Anstieg der über eine Ernährungssonde ernährten Patienten. 

“Es ist ein kleiner Schritt für Neil Amstrong aber ein großer für die Menschheit”. Durch die Weltraumforschung zwischen den 50er und 60er Jahren kommt es zu einem Boom der Astronautenkost. Sie wird nach und nach geschmacklich verbessert und durch wesentlich billigere Alternativen abgelöst. Alleine heute finden sich unzählige verschiedene bilanzierte Formelnahrungen auf dem Markt. Dies macht es nicht immer einfach, die optimale Kost zu finden. Je nach Land gibt es unterschiedliche Produkte. Zudem verträgt jedes Kind die Nahrung unterschiedlich gut. Die Frage, ob und welche bilanzierte Formelnahrung oder doch selbst hergestellte Kost zur Sondenernährung verwendet werden soll, ist zentraler denn je .

In den 80er Jahren gelingt erstmals die Anlage einer PEG (perkutan endoskopische Gastrostomie) Sonde. Die Erfinder der PEG, Gauderer und Ponsky, haben es geschafft, erstmals Ernährungssonden minimalinvasiv anzubringen und so einen direkten Zugang zum Magen zu schaffen. 

Auch heute gibt es noch laufend Optimierungen und Neuerungen. Kürzlich entstandene medizin-wissenschaftliche Fortschritte können in der Erfindung der Technik der perkutanen endoskopischen Jejunostomie (PEJ) und in der Produktion von „2- und 3-lumigen Sonden“ gesehen werden. 

Kann, darf oder soll ein Kind aus medizinischen Gründen nicht schlucken, dann muss es über eine Sonde ernährt werden, um optimales Gedeihen zu gewährleisten.Die Ernährungssonde hat eine lebenserhaltende Funktion. Sobald das Kind aber medizinisch gesehen (wieder/erstmals) stabil ist, sollte so früh wie möglich an eine Entwöhnung von der Sonde gedacht werden, nicht zuletzt auch deswegen, weil viele unbeabsichtigte negative Nebenwirkungen wie Erbrechen durch die Langzeitsondierung entstehen können. Eine Entwöhnung erfolgt am Besten mit einem interdisziplinären Team, wie man sich am besten für ein Sondenentwöhnungsprogramm entscheidet, lesen Sie hier.

Ihr NoTube Team!

Literatur:

  • Kalde S, Vogt M, Kolbig N, editors. Enterale Ernährung. 3. ed. München: Urban & Fischer; 2002.
  • Gauderer MWL. Long-term gastric access: caveat medicus. Gastrointestinal Endoscopy. 1996;44(3):356-8.
  • Meyer EA. Einläufe für den Sonnenkönig. [Internet].2014 [cited 2015-02-11]. Available from: http://www.allgemeinarzt-online.de/a/1634112.
  • Stein J, Dormann AJ. Sonden- und Applikationstechniken. In: Stein J, Jauch KW, editors. Praxishandbuch klinische Ernährung und Infusionstherapie. 2. Berlin, Heidelberg: Springer; 2003.
  • Harkness L. The history of enteral nutrition therapy: from raw eggs and nasal tubes to purified amino acids and early postoperative jejunal delivery. Journal of the American Dietetic Association. 2002;102(3):399-404.
  • Vassilyadi F, Panteliadou AK, Panteliadis C. Hallmarks in the history of enteral and parenteral nutrition: from antiquity to the 20th century. Nutrition in clinical practice : official publication of the American Society for Parenteral and Enteral Nutrition. 2013;28(2):209-17.
  • Furst P, Stehle P. [Artificial nutrition--past, present, future]. Infusionstherapie (Basel, Switzerland). 1990;17(5):237-44.   

Leave a Comment